
Die Vereinigung „Architects for Future“ setzt sich für einen klima- und sozialverträglichen Bausektor ein. Wir sprechen mit Andrea Bitter, die sich in der Initiative engagiert, über deren Ziele und ressourcenschonendes Bauen.
Hotel+Technik: Frau Bitter, Sie arbeiten als Architektin und engagieren sich bei den Klimaaktivisten Architects for Future. Diese solidarisieren sich mit Fridays for Future und wollen mithelfen, die Klimakrise abzuwenden. Wie sieht der Austausch mit Fridays for Future genau aus?
Andrea Bitter: Als Architects for Future stehen wir solidarisch zur Fridays-for-Future-Bewegung und setzen uns wie sie für die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaabkommens und die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad ein. Auf lokaler Ebene sind einzelne Ortsgruppen in direktem Austausch mit den Fridays. Wir beteiligen uns an Klimastreiks, auch mit Redebeiträgen auf den Demonstrationen. Bei Fragen zum Bausektor unterstützen wir Fridays for Future mit unserem Fachwissen.

Einer der Hauptverursacher des enormen Ressourcen- und Energieverbrauchs ist die Baubranche. Gut 55 Prozent des gesamten Mülls fallen bei Bau und Abbruch im Gebäudesektor an. Wo sehen Sie derzeit den größten Handlungsbedarf?
Wir müssen den Bestand wertschätzen und (um)nutzen! Deutschland ist gebaut. Wir haben genug Quadratmeter umbauten Raum und versiegelte Flächen. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir uns darauf konzentriert, den Energieverbrauch während der Nutzung – die sogenannte Betriebsenergie – zu reduzieren. Wir dämmen, versuchen technische Anlagen so effizient wie möglich zu machen und möglichst wenig klimaschädliche Energiequellen zu nutzen.
Bei einem heutigen Neubau entstehen aber rund 50 Prozent der Emissionen schon beim Bau, ein weiterer Peak folgt bei Umbau und Sanierung, der letzte beim Rückbau. Wir müssen unsere Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg betrachten und im Kreislauf denken. So wie ein Investor seine Investitionen und Gewinne über den gesamten Nutzungszeitraum einer Immobilie in Euro rechnet, müssen auch die Treibhausgasemissionen in einer Lebenszyklusanalyse berechnet werden. Und es darf zukünftig kein Verlustgeschäft mehr für das Klima sein. Das heißt aber nicht, dass wir den Bestand, so wie er ist, weiter betreiben sollten.
Was schlagen Sie vor?
Wir müssen unsere Bedarfe ehrlich ermitteln und uns fragen, was wir wirklich brauchen. Damit sind nicht nur die Quadratmeter gemeint, sondern auch die technische Gebäudeausrüstung, Anforderungen an minimale und maximale Raumtemperaturen, Schallschutz, im Hotelbereich die Umbau- und Renovierungszyklen sowie der Energie- und Wasserverbrauch. Außerdem müssen wir in Kreisläufen denken! Nicht nur wegen des Mülls, der teilweise sogar giftig ist, sondern auch, weil unsere Ressourcen immer knapper werden.
„Deutschland ist gebaut. Wir haben genug Quadratmeter, umbauten Raum und versiegelte Flächen.“
Kupfervorkommen sind endlich – 90 Prozent der abgebauten mineralischen Ressourcen gehen in Deutschland in den Bausektor. Das heißt: Wir müssen bestehende Gebäude als Material- und Ressourcenlager sehen. Wenn ein Gebäude rückgebaut werden soll, muss man zuvor prüfen, was noch weiterverwendet werden kann: die Designerleuchte aus den 70er-Jahren? Der 15 Jahre alte Aufzug? Die erst zehn Jahre alten Fenster? Das Metall der Fassade oder die Holzbalken aus dem Dach? Und wenn tatsächlich neu gebaut werden muss: Was kann ich weiterverwenden? Man sollte schon bei der Planung an den Rückbau denken.
Die Baubranche nutzt nur etwa ein Prozent der Materialien ein zweites Mal. Woran liegt das?
Bisher wurde beim Einbau von Baustoffen und Bauprodukten nicht an den Rückbau und die Weiterverwendung gedacht. Das heißt, vieles lässt sich nicht zerstörungsfrei ausbauen oder sortenrein trennen. Denken wir nur an die Wärmedämmverbund-Fassade oder die verklebten Teppichböden. Gleichzeitig stellt uns zum Beispiel das Abfallwirtschaftsgesetz bei der Weiterverwendung vor große Hürden: jede OSB-Platte, sobald sie ausgebaut wurde, jeder Kubikmeter Bodenaushub, der das Grundstück verlässt, ist nach deutschem Recht erst mal Abfall und darf nicht einfach so weiterverwendet werden.
Auch die Bauproduktenverordnung, Zulassungen und Gewährleistung erleichtern die Weiterverwendung nicht. Was können wir also tun? Es gibt Plattformen, die gebrauchte Produkte, von der Industrieküche über die Rolltreppe bis hin zum Klinkerstein anbieten. Dienstleister haben sich darauf spezialisiert, Gebäude zu analysieren und noch vor dem Abbruch Bauteile weiterzuverkaufen.
Die Zementindustrie ist für acht Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich. Das ist in etwa 2,5 mal so viel wie der gesamte Flugverkehr weltweit. Welche Lösungsansätze gibt es?
Planer sollten zuerst analysieren, was noch genutzt werden kann und wirklich gebaut werden muss. Wenn möglich, sollten Baustoffe, die Zement enthalten, ersetzt werden durch zementfreie. Oberirdisch muss beim Tragwerk eigentlich gar kein Beton eingesetzt werden: Holz, gebrannte Ziegel und Lehmsteine ermöglichen erprobte und bewährte Bauweisen. Unter der Erde ist Beton oft alternativlos. Aber ist der Keller wirklich immer nötig? Oder reicht eine Teilunterkellerung oder ein Schuppen neben dem Gebäude? Fundamente können heute auch als Schraubfundamente aus verzinktem Stahl ausgeführt werden.
Dass das sogar aus Holz geht, kann sich jeder in Venedig anschauen. Zement steckt auch in vielen anderen Baustoffen wie Putz. Der ist auf Nachfrage aber auch zementfrei oder sogar als Lehmputz erhältlich. Darin sind dann auch nicht all die künstlichen Zuschlagstoffe, Bindemittel und Kunststoffkügelchen enthalten. Parallel arbeitet die Zementindustrie daran, den Energiebedarf für die Produktion aus erneuerbaren Energiequellen zu decken. Doch die C02-Emissionen bei der Zementherstellung stammen zu etwa 60 Prozent aus chemischen Prozessen, die sich mit heutigen Technologien noch nicht reduzieren lassen.
Zur Person
Andrea Bitter ist Architektin und Energieberaterin. Sie studierte Architektur an der Uni Stuttgart und der Accademia di Architettura in Mendrisio, Schweiz. Nach ihrem Studium arbeitete sie in Südtirol unter anderem bei Stifter+Bachmann und Pedevilla Architekten. Anschließend zog es sie nach München, wo sie für Henning Larsen Architects und AllesWirdGut Architektur als Projektleiterin tätig war. Seit 2020 ist sie mit eigenem Büro selbstständig, arbeitet freiberuflich als Beraterin für die Beratungsstelle Energieeffizienz und Nachhaltigkeit bei der Bayerischen Architektenkammer, engagiert sich bei Architects4Future und im Netzwerk KoBI (Klimaoptimierung für Bau und Infrastruktur beim öffentlichen Auftraggeber).
Bauen mit Holz oder Lehm: Sollten wir eher wieder wie unsere Vorfahren bauen?
Ja! Gleichzeitig heißt das aber nicht, dass wir so bauen müssen wie vor hundert Jahren. Aber wir können davon lernen, profitieren und es weiterentwickeln. Seit etwa einem Jahr gibt es zum Beispiel eine DIN-Norm, die es ermöglicht, tragendes Mauerwerk aus ungebrannten Lehmsteinen zu errichten. Es gibt bereits Hersteller dafür, sodass sie ganz normal zur Baustelle geliefert werden können.
Und wie bei so vielen „nachhaltigen“ Bauweisen und Stoffen ermöglicht das gleich mehrere Vorteile: Auf der Baustelle riecht es gut, die Handwerker müssen keine Handschuhe tragen, und während der Nutzung reguliert Lehm die Raumluftfeuchtigkeit und absorbiert Gerüche. Die meisten Menschen fühlen sich in solchen Häusern sehr wohl. Ein schönes Beispiel ist das Vorarlberg Museum in Bregenz: Hier konnte die Haustechnik reduziert werden, weil der Lehm dabei hilft, die Raumluftfeuchte selbst für einen Museumsbetrieb auf gutem Niveau zu halten.
Braucht es mehr Vorschriften, damit nachhaltiger gebaut wird?
Nein, wir haben eher zu viele Vorschriften oder Regelungen. Das macht das Bauen grundsätzlich komplex, teuer und wenig offen für Innovationen. Sie regeln meist den Neubau, behindern eher nachhaltiges Bauen und sehen Umbau und Weiterverwendung als Ausnahme. Wir brauchen daher andere Vorschriften. Ein Beispiel ist die „MusterUMBauordnung“. Auch die Bauordnungen der Länder regeln hauptsächlich den Neubau, die Anforderungen erschweren den Umbau. Daher haben wir bei A4F Vorschläge erarbeitet, die Bauordnungen zu UMBauordnungen umzugestalten. Die Bundesarchitektenkammer hat dies weiter vorangetrieben. Nun arbeiten zahlreiche Bundesländer an der Novellierung ihrer Bauordnungen.
Wie will A4F die Politik und Baubranche für Nachhaltigkeit sensibilisieren?
Die eben genannte „UMBauordnung“ ist ein gutes Beispiel. Oder auch unsere Petition „Bauwende jetzt!“ aus dem Jahr 2020, die es mit knapp 60.000 Unterschriften in den Bundestag geschafft hat. Wir schreiben Stellungnahmen, offene oder direkt adressierte Briefe an Politiker und Entscheider, sind im Austausch mit unseren Berufsverbänden, gehen in Kommunen auf die gewählten Vertreter und Verwaltungen zu oder schreiben Parteien vor den Wahlen an. Parallel teilen wir unser Wissen auch bei Vorträgen, Webseminaren oder ganz neu in Fortbildungen mit allen Interessierten. Denn es geht auch darum, dass Planer wissen, wie nachhaltiges Bauen funktioniert und dass Auftraggeber nachhaltige Gebäude wollen.
Steht der Gestaltungswille einiger Architekten der Nachhaltigkeit im Weg?
Nein, überhaupt nicht. Nachhaltiges Bauen bietet neue Gestaltungsspielräume und regt an, das Alte zu hinterfragen. Ich glaube, die großen Hinderungsgründe bei den Architekten sind derzeit Unwissen, Angst vor Veränderung, die Sorge, dass es nicht finanzierbar sei und leider auch Bequemlichkeit. Zum Glück fordern insbesondere jüngere Architekten ein Umdenken, tragen es in ihre Büros und engagieren sich. Vor ein paar Wochen war auf einem Symposium die Rede davon, dass wir momentan in einer Gründerzeit stecken und mehr wagen können, sogar müssen. Das macht Mut.
Wenn wir in die Glaskugel schauen – wie sieht ein Haus in 50 Jahren aus? Verliert die Optik an Relevanz?
Nein – die Optik wird immer wichtig sein. Aber das, was die Optik bestimmt, wird sich ändern. Im Moment geht es bei vielen Bauvorhaben um Repräsentation und die Wirkung nach außen. Manchmal will sich der Architekt selbst ein Denkmal setzen: noch höher, noch spektakulärer, noch mehr Technik, die alles (vermeintlich) höchst effizient steuert. Da wir immer mehr den Bestand nutzen, wird die Optik zukünftig stark von dem geprägt sein, was und wie vor 30, 40, 50 oder mehr Jahren gestaltet wurde. Der Fokus wird wieder mehr auf den Menschen und in der Umgebung eines Gebäudes liegen. Es geht darum Gebäude zu planen und (um)zubauen, in denen wir uns wohl fühlen, gern aufhalten und gesund bleiben. Denn auch das beinhaltet nachhaltiges Bauen: soziale Verantwortung und eine gesunde gebaute Umwelt.
Architects for Future
Die Gruppe hat zehn Forderungen aufgestellt:
- Überdenkt Bedarfe
- Hinterfragt Abriss kritisch
- Beschleunigt die Energiewende
- Entwerft zukunftsfähige Qualität
- Konstruiert kreislauffähig und klimapositiv
- Fördert eine gesunde gebaute Umwelt
- Stärkt die Klimaresilienz
- Erhaltet und schafft Raum für Biodiversität
- Übernehmt soziale Verantwortung
- Plant integral
Architects for Future finanziert sich über Spenden und Beiträge der Fördermitglieder.
